Vorträge 2015

 

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Thomas Schulz:

Zwangsehe oder Liebesheirat?

Eberdingen und die Gemeindereform der 70er Jahre.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 10.12.2015.

Ein spannendes Kapitel der Gemeindereform stellte Kreisarchiv Dr. Thomas Schulz in seinem Vortrag beim Historischen Verein vor. Die 1968 eingeleitete Gemeindereform ließ in Baden-Württemberg die Zahl der selbständigen Kommunen kräftig schrumpfen. Im heutigen Landkreis Ludwigsburg wurde die Zahl von 78 auf 39 halbiert. Der Zusammenschluss von Gemeinden geschah meist auf freiwilliger Basis, d.h. nach entsprechendem Beschluss durch die Gemeinderäte der betroffenen Kommunen. Eine Ausnahme bildete der gesetzlich bestimmte Zusammenschluss von Eberdingen, Hochdorf und Nußdorf. Eine ursprünglich beabsichtigte Vierer-Lösung (eine Einheitsgemeinde zusammen mit Riet) scheiterte am Widerstand des Hochdorfer Bürgermeisters. Riet entschied sich deshalb für den Anschluss an Vaihingen. Bürgeranhörungen brachten keine Änderung der Positionen. Hochdorf kämpfte weiter um seine Selbständigkeit. Der Zusammenschluss kam daher nicht freiwillig zustande, sondern wurde vom Landtag im „Besonderen Gemeindereformgesetz“ von 1974 beschlossen, gegen den erklärten Willen der betroffenen Gemeinden. Eine Klage aller drei Gemeinden bezweifelte die Verfassungsmäßigkeit der Gemeindereform und beantragte daher ein Normenkontrollverfahren gegen das Reformgesetz. Das Urteil des Staatsgerichtshof anerkannte aber die Verfassungsmäßigkeit und bestimmte zudem den Zusammenschluss der drei Gemeinden zum 20. September 1975. Mit der Wahl eines Bürgermeisters für die neue Gemeinde und der Entscheidung für den Namen „Eberdingen“ für das neue Gebilde war die Gemeindereform auch im Landkreis Ludwigsburg abgeschlossen. (e.v.)

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Kurt Sartorius:

Der Bönnigheimer Pfarrer Christoph Ulrich Hahn

– bedeutendster Sozialreformer Württembergs im

19. Jahrhundert.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.11.2015.

Kurt Sartorius, bekannt durch das Schwäbische Schnapsmuseum und durch seine Forschungen über Nachgeburten, stellte in seinem Vortrag vor dem Historischen Verein eine heute weitgehend vergessene Persönlichkeit vor, den Bönnigheimer Pfarrer Christoph Ulrich Hahn. Hahn war nach seinem Theologie-Studium in Tübingen 36 Jahre lang als Diakon in Bönnigheim tätig. Dort gründete er ein Internat, das zunächst aufblühte; der strenge Pietismus von Hahn schreckte aber die Eltern der vielen ausländischen Schüler ab. Der Forscher und Schriftsteller Hahn verfasste ein dreibändiges Werk zur „Geschichte der Ketzer im Mittelalter“. Aber statt eine wissenschaftlich-akademische Laufbahn einzuschlagen, wechselte er in die praktische Wohlfahrtsarbeit, die heute als Innere Mission bezeichnet wird. Der Menschenfreund Hahn gründete und leitete den rührigen Wohltätigkeitsverein Besigheim. In Anerkennung seiner Verdienste um das Wohlfahrtswesen wurde er zum Mitglied der Zentralleitung des Württembergischen Wohltätigkeitsvereins ernannt. Als Pfarrer in Heslach bei Stuttgart konnte Hahn seit 1859 regelmäßig an allen Sitzungen der Zentralleitung in Stuttgart teilnehmen. In diese Zeit fällt auch sein Wirken als „Sanitäts-Hahn“. Hahn war Vorsitzender des „Württembergischen Sanitätsvereins“, der ersten nationalen Rotkreuz-Gesellschaft; er wirkte bei internationalen Organisationen mit und nahm bis ins hohe Alter als Vertreter von Württemberg an internationalen Kongressen teil. Hahn war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die in Württemberg auf dem Gebiet des Wohlfahrtswesens und des Roten Kreuzes gewirkt haben, und seiner Zeit weit voraus. Umso mehr ist es zu verwundern, dass er außerhalb seines engeren Arbeitskreises so schnell vergessen werden konnte.

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Kern, Wolfgang:

 „Die Neckarbrücke zwischen Hoheneck und Neckarweihingen
– weggeschwemmt, weggesprengt, neu gebaut“.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 8.10. 2015.

Der Historische Verein konnte für seinen ersten Vortrag im Winterhalbjahr 2015/16 mit dem Neckarweihinger Maler, Grafiker und Objektdesigner Wolfgang Kern einen Referenten gewinnen, der die wechselvolle Geschichte des Neckarübergangs kenntnisreich und anschaulich vorstellte. Schon in keltischer Zeit war der Neckar eine Barriere, aber kein unüberwindbares Hindernis. Es existierte eine Wegverbindung durch die Furt bei Neckarweihingen. Spätestens seit dem Mittelalter verband eine Bootsfähre Neckarweihingen und Hoheneck. Die Verlagerung der Residenz von Stuttgart nach Ludwigsburg hatte weitreichende Folgen auch für den Neckarübergang. Herzog Eberhard Ludwig befahl die Errichtung einer Holzbrücke, um auf direktem Weg leichter in die Jagdgebiete rechts des Neckars zu gelangen. Eine große Flut zerstörte diese erste Neckarbrücke im Juli 1741. Fast zwanzig Jahre später übernahm eine Schiffsbrücke deren Funktion; sie existierte aber auch nur wenige Jahrzehnte. In den folgenden hundert Jahren gab es keinen festen Übergang mehr. Erst die 1862 eröffnete steinerne Brücke schuf eine dauerhafte Lösung, bevor sie bei Kriegsende, am 20. April 1945, gesprengt wurde. Die beschädigte Brücke wurde durch eine Holzkonstruktion provisorisch repariert, bis 1956 eine moderne Spannbetonbrücke eingeweiht werden konnte, an deren Gestaltung Paul Bonatz mitwirkte. Inzwischen ist diese Brücke in die Jahre gekommen. Eine Generalsanierung ist geplant und dann kann hoffentlich eine dauerhafte Lösung des Auto-, Rad- und Fußgängerverkehrs über den Neckar gefunden werden. (e.v.)

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Dr. Albrecht Ernst :

Wilhelm II., der letzte König von Württemberg. Neue Einblicke in sein Leben, sein Denken und seine Politik.

Vortrag vor dem Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.03.2015.

Großen Zuspruch fand der Vortrag von Dr. Albrecht Ernst über den letzten König von Württemberg. Die Kindheit und Erziehung von Wilhelm verliefen in den traditionellen Bahnen. Während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Göttingen gewann er im Corps Bremensia zwei Freunde fürs Leben: Detlef von Plato, - er war später Hofmarschall in Arolsen und Stuttgart -, und Gottfried von Reden, er machte später Karriere als Staatsanwalt.
Bei der von Dr. Ernst bei Nachkommen der Briefempfänger wieder aufgefundenen Korrespondenz aus dem Zeitraum von 1868 bis 1920 handelt es sich um eine einzigartige Geschichtsquelle, die landesweit ihresgleichen sucht. Von keinem anderen Monarchen des deutschen Kaiserreiches ist eine solche Fülle vergleichbarer Schriftstücke auf uns gekommen. Die Korrespondenz mit den beiden lebenslangen Freunden ergänzt und korrigiert das traditionelle Bild des eher harmlosen, pflichtbewusst-biederen Monarchen. Es sind sowohl persönlich als auch politisch überaus aufschlussreiche Schriftstücke. Wilhelm vertrat ein anderes, bürgernahes und in vielem auch liberaleres Modell der Monarchie als in den übrigen deutschen Staaten. Er hatte den Mut, diese Form des Königtums auch persönlich zu leben. In den Briefen zeigt sich Wilhelm II. als feinfühliger Mensch, der die Spannungen zwischen der ihm zugedachten Rolle und seiner Person stark empfunden hat. Für sein Wirken, auch für seine Menschlichkeit wurde ihm schon zu Lebzeiten Respekt und Anerkennung zuteil.

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Dr. Manfred Scheck:

„Im Angesicht des Terrors“.

Die Vaihinger Bevölkerung als Beteiligte und als Augenzeugen 1933 - 1945.

Vortrag des Historischen Vereins für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 12.02.2015.

Vielgestaltig waren die Reaktionen der Vaihinger Bevölkerung auf die Untaten des Dritten Reichs, mit denen sie in ihrer Stadt konfrontiert wurde. Zum einen waren da die Häftlinge auf Schloss Kaltenstein. Seit 1842 Arbeitshaus für Männer, wurden nach 1933 vor allem kranke „Schutzhäftlinge“ dort untergebracht. Unter der Leitung des fanatischen Nationalsozialisten Christian Walter verschlechterte sich die Haftsituation nach 1937 dramatisch. Über die Aufseher, unter denen es während des Krieges eine Reihe dienstverpflichteter Bürger aus Vaihingen gab, war man über die Vorgänge im Schloss gut unterrichtet. Ab 1943 wurden kranke Zuchthaussträflinge eingeliefert. Die Zahl der Sterbefälle stieg immer mehr, so dass ein eigner Begräbnisplatz notwendig wurde. Bei Kriegsende sollten alle „gefährlichen“ Gefangenen ermordet werden, was jedoch am energischen Widerstand des Vaihinger Polizeikommandanten Georg Grau scheiterte.
Als unentbehrliche Arbeitskräfte kamen Kriegsgefangene in die Stadt. Die Nazis verfuhren allerdings sehr willkürlich; korrekt angewendet wurden die Bestimmungen der Genfer Konvention lediglich gegenüber den anglo-amerikanischen Gefangenen. In Vaihingen geschah dies jedoch nach allem, was wir wissen, auch gegenüber den Franzosen. Zunächst waren sie auf Schloss Kaltenstein, dann in der Stadt selbst untergebracht. An ihren Arbeitsplätzen hatten die Kriegsgefangenen teilweise sogar Familienanschluss, wasnach Kriegsende ihren ehemaligen Dienstherren dankten.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieg erschienen neue Nachbarn: die Organisation Todt (OT), SS und KZ-Häftlinge. Grund dafür war die Anfang März 1944 getroffene Entscheidung, in der Nähe von Vaihingen eine unterirdische Fabrik für die Produktion von Jagdflugzeugen zu errichten. Hunderte von Arbeitern der Organisation Todt wurden in Schulen, Gaststätten und Privatquartieren untergebracht. Für die ausländischen Arbeitskräfte entstand ganz in der Nähe der Baustelle das Lager „Wiesengrund“. Da die vorhandenen Arbeitskräfte nicht ausreichten, forderte die Oberbauleitung 2.000 jüdische KZ-Häftlinge an. Überlebende berichten von Anfeindungen, aber auch von heimlicher Hilfe durch Vaihinger Bürger. Nach der Befreiung des Lagers am 7. April 1945 durch französische Truppen mussten zwangsverpflichtete Bürger bei Aufräumungsarbeiten und bei der Beseitigung der Leichen im KZ mitarbeiten. Noch bis 1948 wurde das städtische Krankenhaus als Sanatorium für ehemalige KZ-Häftlinge betrieben. Die Strafprozesse gegen Wachmannschaften und führende Personen des KZ Vaihingen 1947 in Rastatt fanden offenbar kein Echo in der Bevölkerung. Die Zeit des Wegschauens war gekommen, und es sollten noch einige Jahre vergehen, bis mit den Auschwitz-Prozessen ab 1963 der Bann gebrochen wurde.

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Dr. Andrea Fix

„Georg Kerner - Ein kleiner Schwabe wie ein Vulkan“.

Vortrag beim Historischen Verein für Stadt und Kreis Ludwigsburg am 08.01.2015.

Georg Kerner, der ältere Bruder des bekannteren Justinus Kerner, führte ein Leben „wie ein Abenteuerroman“. Angetrieben von innerer Unruhe und Begeisterungsfähigkeit suchte er in

einer Zeit des Umbruchs geradezu die Gefahr. Am 9. April 1770 wurde Kerner in Ludwigsburg geboren. Mit neun Jahren kam er auf die Hohe Karlsschule, später studierte er Medizin. Er begeisterte sich für die Französische Revolution; in Straßburg wurde er Mitglied der "Gesell-schaft der Freunde der Revolution“. Er sah in Frankreich sein neues Vaterland und zog nach Paris, wo er das Auseinanderdriften von Ideal und Realität erlebte. Im Kampf um Freiheit und Menschenrechte stand er den gemäßigten Girondisten nahe, und musste die Hinrichtung seines Freundes Adam Lux erleben, der die Mörderin von Marat glorifiziert hatte. Kerner floh in die Schweiz, wo er seine politische Arbeit fortsetzte. Zwischen 1795 und 1801 war er ununter-brochen von Italien bis in die Niederlande unterwegs, führte er ein aufreibendes Leben im Kampf gegen den Despotismus. Georg Kerner scheiterte als Diplomat an seinem Temperament („wie ein Vulkan“, so Georg Forster). Ohne Erfolg bemühte er sich um die württembergische Neutralität gegenüber Frankreich. Die französische Politik unter Napoleon stieß ihn ab. Kerner ging nach Hamburg, um sich eine neue Existenz als Kaufmann aufzubauen. Er gab ein politisches Journal heraus, das verboten wurde. Statt „der Bekämpfung der geistigen Gebrechen der Menschheit“ wandte er sich nun der „Bekämpfung körperlicher Gebrechen der Menschen“ zu und ließ sich 1803 in Hamburg als Arzt nieder. Als Reformarzt und Sozialreformer konnte er seine Ideale verwirklichen. Beim Ausbruch einer Typhusepidemie in den Armenvierteln von Hamburg steckte sich Georg Kerner an und starb am 7. April 1812.

 

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